Erstveröffentlichung:
Hardthöhen-Kurier 05/2025
Letzte Aktualisierung:
18.11.2025
Autoren
Thomas Doll, Benjamin Polzin
KI Evolution
Die globale Entwicklung generativer KI-Systeme schreitet mit rasanter Geschwindigkeit voran. Einer Schätzung des Non-Profit-Forschungsinstituts Epoch AI zufolge wachsen die globalen KI-Fähigkeiten derzeit pro Jahr um das Vierzehnfache. Dies betrifft sowohl die KI-Algorithmen selbst als auch deren Architektur und Rechenleistung. Zum Vergleich: Während sich die Rechenleistung klassischer Computer in den letzten Jahren „nur“ alle 18 Monate verdoppelte, führt das rasante Wachstum der KI-Fähigkeiten dazu, dass KI-Modelle, die vor wenigen Jahren nur in großen Rechenzentren betrieben werden konnten, heute bereits auf KI-befähigten Endgeräten lauffähig sind.
Die weltweit führenden Tech-Unternehmen sowie eine überschaubare Anzahl disruptiver KI-Startups sind Taktgeber dieser Entwicklung. Mehrheitlich sind deren Anwendungen jedoch ziviler Natur und daher „frisch vom Regal“ nur von eingeschränktem militärischem Nutzen. Aus militärischer Sicht gilt es, das Potenzial sowie die Grenzen von KI-Systemen für aktuelle und zukünftige Anwendungen abzuschätzen. Die vorliegenden Erkenntnisse aus dem Ukraine-Krieg liefern hierfür eine Basis.
Erkenntnisse aus dem Ukraine Krieg
„On the battlefield I did not see a single Ukrainian soldier.[…] Only drones, and there are lots and lots of them. Guys, don’t come. It’s a drone war.“ – Surrendered Russian soldier
Der Krieg in der Ukraine demonstriert schmerzlich, dass der eingangs beschriebene Innovationswettlauf nicht nur auf industrieller Ebene, sondern auch auf dem Gefechtsfeld stattfindet. Die hieraus entstandenen technologischen Entwicklungen haben zu drastischen Veränderungen in der Kriegsführung und neuen Anforderungen an Vernetzung und Tempo geführt. Sowohl die Entwicklung neuer Waffensysteme als auch die Automatisierung der Abläufe im Gefecht selbst schreiten mit hoher Geschwindigkeit voran. Zum Schutz eigener Kräfte werden Soldaten zunehmend durch unbemannte Systeme substituiert. Technologien, wie Künstlichen Intelligenz, schaffen hierfür die Voraussetzungen.
Ein gutes Beispiel ist, das von der Ukraine entwickelte, „Delta“-System zur Koordination von Aufklärungs- und Angriffsmissionen. Delta verarbeitet in Echtzeit Daten von Drohnen, Satelliten und anderen Sensoren, analysiert mit KI-Algorithmen feindliche Bewegungen und ermöglicht so präzise Artillerieschläge. Die Fähigkeit, Ziele automatisiert zu erkennen und Angriffe zu koordinieren, hat die Effektivität der ukrainischen Verteidigung maßgeblich erhöht. Auch KI-gestützte Bilderkennungssysteme werden eingesetzt, um feindliche Fahrzeuge und Stellungen automatisch identifizieren und priorisieren zu können.
Der Einsatz von KI-Technologie auf dem Gefechtsfeld ist folglich längst zur Realität geworden. Erste Fähigkeiten in den Bereichen Zielerkennung und Navigation konnten erfolgreich umgesetzt werden. Zu erwarten ist, dass diese rasch weiter ausgebaut und auf weitere Plattformen und Systeme übertragen werden. Zudem werden neue Anwendungsbereiche erschlossen werden. Aus Sicht der Ukraine gilt es weiter zu denken und ein Umfeld zu schaffen, in dem neue Entwicklungen im steten Abgleich mit den operationellen Erfordernissen fortwährend integriert werden können. Nur so kann sichergestellt werden, dass trotz steter Anpassung und Weiterentwicklung ein hoher Grad an Integration gehalten und neue, innovative Systeme sukzessive integriert werden können.
Das Gefechtsfeld der Zukunft aus Sicht der Landstreitkräfte

Die kontinuierliche Weiterentwicklung militärischer Fähigkeiten im Frieden ist essenziell, um die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Umfeld zu wahren. Dies gilt insbesondere für disruptive technologische Fortschritte wie dem Einsatz unbemannter Systeme und der Integration von Künstlicher Intelligenz. Für die deutschen Landstreitkräfte bedeutet dies, jetzt verlorenen Boden in der Bereitstellung von entsprechenden Fähigkeiten oder deren Abwehr gut zu machen und frühzeitig ein klares Verständnis der zukünftigen Anforderungen zu entwickeln. Dies ermöglicht eine zielgerichtete Steuerung der eigenen Entwicklungs- und Beschaffungsprozesse. Die nachfolgenden Ausführungen skizzieren aktuelle Überlegungen zu diesem Themenkomplex.
- Veränderte Bedrohungslage: Das Gefechtsfeld der Zukunft wird maßgeblich von einer durchgängigen Automatisierung und Schwarmfähigkeit bestimmt. Die Hauptbedrohungen gehen von unbemannten Systemen im bodennahen Luftraum und von weitreichenden Waffensystemen aus. Nicht weniger Gefahr geht von Bedrohungen aus dem elektromagnetischen Spektrum aus. Um diesen exponierten Herausforderungen zu begegnen, sind schnelle, kritische Entscheidungen in dynamischen Einsatzumgebungen unabdingbar.
- Operationelle Ableitungen: Die Fokussierung verlagert sich auf Präzision und Wirksamkeit in der Tiefe des Raumes, was hochflexible Führungssysteme erfordert. Die neue Priorität liegt auf Abstandsfähigkeit und einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit, während die taktische Duellsituation in den Hintergrund tritt. Eine resiliente Führungsfähigkeit und eine robuste, nach vorne gestaffelte Einsatzunterstützung sind entscheidend für eine erfolgreiche Gefechtsführung.
- Schlüsseltechnologie Künstliche Intelligenz: Die Landstreitkräfte müssen konsequent auf das hochmobile Gefecht der verbundenen Kräfte ausgerichtet werden. Die Integration von Künstlicher Intelligenz ist hierbei ein zentraler Baustein zur Bewältigung der steigenden Komplexität. Es gilt, eine ausgewogene Balance zwischen schneller Implementierung und robuster Anwendung zu finden, wobei das Konzept der Software Defined Defence den notwendigen Rahmen für die Entwicklung liefert.
Auch wenn diese Darstellung nur sehr grobe Linien zeichnet, so liefert sie doch einen guten Überblick über die vielfältigen Herausforderungen in der anstehenden Transformation landbasierter Kräfte. Auslöser ist die neue Bedrohungslage, der es zukünftig zu begegnen gilt. In Nutzung befindliche Waffensysteme, ergänzt um neue Fähigkeiten sind hinsichtlich Ihrer Bedeutung im Gefecht neu zu ordnen. Das unveränderte Erfordernis, eine hohe Schlagkraft im Verbund aller Kräfte zu erreichen, bleibt hiervon unberührt. Das immense Potenzial Künstlicher Intelligenz für die Landstreitkräfte der Zukunft ist erkannt; es zu erschließen, stellt eine der größten Herausforderungen der kommenden Dekade dar.
Anforderungen an die KI-Entwicklung für die Dimension Land
KI-Anwendungen sind besonders effizient bei der Lösung von Problemen, die als „Inside the Box“ gelten, also bei Aufgaben, die sich auf Basis einer qualitativ hochwertigen Datenbasis und eines zielgerichteten Trainings lösen lassen. Die tatsächlichen Herausforderungen für militärische Führer auf dem Gefechtsfeld liegen jedoch häufig in der Lösung von „Outside the Box“-Problemen – insbesondere in unklaren Lagen, in denen gefechtsentscheidende Entschlüsse gefasst werden müssen. Hier setzt die rapide steigende Zahl von Sensoren in allen Dimensionen, die rasche Übertragung der gewonnenen Daten oder bereits auf der Sensorplattform erfolgter Auswerteergebnisse und die automatisierte Korrelation von Daten zur Verdichtung des Lagebildes an. Der „Nebel des Krieges“ wird sich verändern, aber bleiben. Den Wettlauf zur Bekämpfung feindlicher Kräfte auch in der Tiefe des Raumes können wir nur unter Einsatz von KI zu unseren Gunsten entscheiden. Eine robuste Integration von KI auf dem Gefechtsfeld erfordert daher eine enge Verzahnung mit den operativen Erfordernissen. Die Maxime für die Entwicklung von KI-Anwendungen muss somit lauten, konsequent „vom Einsatz her“ zu denken. Ungeachtet dessen können KI-Anwendungen im Gefecht vielfältige Mehrwerte liefern, deren Erschließung in den kommenden Jahren in den Fokus rückt.
Im hochmobilen Gefecht der verbundenen Kräfte wird der Mensch zunehmend zum limitierenden Faktor. Ihn gilt es, in der Erfüllung seiner jeweiligen Aufgabe, bestmöglich mit KI-gestützten Systemen zu unterstützen. Führung, Aufklärung, Wirkung und Unterstützung sind hiervon gleichermaßen betroffen. Besondere Priorität sollte dabei der KI-basierten Unterstützung des Entscheidungsprozesses sowie der Optimierung der Sensor-Effektor-Kette eingeräumt werden. Gerade bei besonders gefährlichen und zeitkritischen Aufgaben ist eine Verbesserung anzustreben, die es dem Menschen ermöglicht, vorwiegend überwachende Funktionen zu übernehmen.
Ein KI-Agent ist ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Computerprogramm, das auf Anweisung des Bedieners autonom komplexe Aufgaben ausführen kann. Im Gegensatz zu einfacherer KI wie Chatbots, die auf Prompts reagieren, können KI-Agenten auch außerhalb eines bestimmten Kontexts arbeiten. Sie können sich selbstständig Strategien überlegen, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen, und zerlegen dieses Ziel in kleinere, handhabbare Aufgaben. Die grundlegende Funktionsweise eines KI-Agenten basiert auf dem Dreiklang:
- Wahrnehmung: Der Agent erfasst Daten aus seiner Umgebung mittels Sensoren.
- Verarbeitung und Entscheidungsfindung: Der Agent analysiert die wahrgenommenen Daten, um den Zustand der Umgebung zu bewerten und die optimale Vorgehensweise abzuleiten.
- Aktion: Der Agent führt eine physische oder digitale Handlung aus, um auf die Umgebung einzuwirken und seine Aufgabe zu erfüllen.
Ein KI-Agent kann als integraler Bestandteil unbemannter Systeme fungieren, beispielsweise für autonome Aufklärungsmissionen, logistische Unterstützung oder für die Analyse großer Datenmengen. Seine Fähigkeit zur eigenständigen Entscheidungsfindung ermöglicht es ihm, definierte Aufgaben effizient und ohne konstante menschliche Steuerung auszuführen.
Zukünftig könnten in der Bundeswehr hunderte, wenn nicht tausende unterschiedliche KI-Agenten zum Einsatz kommen. Diese müssen spezifisch für ihre jeweiligen Aufgaben entwickelt und trainiert werden. Praktisch jeder Sensor, jedes Waffensystem, jedes Gefechtsfahrzeug, jede Befehls- und Gefechtsstelle würde über spezialisierte KI-Agenten verfügen. Im Gefecht interagieren diese Systeme selbstständig, tauschen automatisiert Daten und Erkenntnisse aus, ohne dass ein Mensch eingreifen müsste. KI-Technologie als reine Stand-alone-Lösung wird den gewünschten Mehrwert nicht liefern können. Vielmehr müssen die KI-Agenten immer in Verbindung mit anderen Fähigkeiten konzipiert und realisiert werden, um den vollen Geschwindigkeits- und Leistungsvorteil auszuschöpfen.
Um Fehlentwicklungen und Insellösungen zu vermeiden, müssen neue KI-Entwicklungen fortlaufend im bestehenden Systemverbund getestet und schrittweise integriert werden. Das im Aufbau befindliche Systemzentrum Digitalisierung Dimension Land bietet hierfür die Basis und sollte konsequent auf die Entwicklung und Integration neuer KI-Fähigkeiten in den Landstreitkräften ausgerichtet werden.
Aktuelle KI-Aktivitäten
Ausgangspunkt aller Anstrengungen sind die derzeit in Umsetzung befindlichen und geplanten KI-Untersuchungen (Abbildung 2). Diese setzen sich aus acht zum Teil aufeinander aufbauenden und sich gegenseitig unterstützenden KI-Studien zusammen.

Es werden sowohl klassische Deep-Learning- als auch Generative KI-Ansätze untersucht. Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Demonstratoren, die es dem Operateur ermöglichen abzuschätzen, inwieweit die verfolgten Ansätze operationelle Vorteile liefern. Wo immer möglich sind Realsysteme in die Untersuchungen miteinzubeziehen. Die hohe Dynamik in der zivilen KI-Entwicklung treibt auch die militärischen Untersuchungen rasch voran. Moderne Reasoning-fähige KI-Systeme beispielsweise sind zunehmend in der Lage, aus einem gegebenen Kontext logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Basierend auf dem so gewonnenen Erfahrungsfundus sind die nächsten Schritte für eine erfolgreiche Rüstung abzuleiten.
Ausblick
Die Nutzbarmachung von Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz wird die weitere Ausgestaltung militärischer Fähigkeiten maßgeblich beeinflussen. Für die Landstreitkräfte bedeutet dies, dass für die zukünftigen Anforderungen an Schnelligkeit und Präzision im Gefecht eine umfassende KI-Unterstützung erforderlich sein wird. Diese gilt es rasch aufzubauen. Zwar sind noch Herausforderungen in den Bereichen Digitalisierung, der Beherrschung von Daten und hinsichtlich der Ausbildung im Umgang mit KI-Systemen zu bewältigen, doch gehen wir stets im engen Schulterschluss mir den operationellen Erfordernissen vor. Bei der Einbindung neuer KI-Fähigkeiten muss stets bewertet werden, ob ein Eingriff in die Entscheidungshoheit des militärischen Führers tolerierbar oder sogar anzustreben ist.
Die Landstreitkräfte müssen in ihren Fähigkeiten weiter gestärkt werden. Der Entwicklung und dem Einsatz von Zukunftstechnologie ist hierbei besondere Bedeutung beizumessen. Der katalytisch in alle Bereiche wirkenden Schlüsseltechnologie Künstliche Intelligenz muss hierfür besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Es gilt, die bereits vorhandene KI-Expertise weiter auf- und auszubauen.
Mit der zivilen KI-Entwicklung Schritt zu halten und die dort neu entwickelten Verfahren rasch in die militärische Nutzung zu überführen, wird auf Jahre eine große Herausforderung darstellen.
